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Anhaltinisch?

Unser Landesname und sein richtiger Gebrauch als Adjektiv
von Manfred Lemmer, Halle/Saale, aus: Sachsen-Anhalt Journal für Natur- und Heimatfreunde, 3. Jahrgang Nr. 2/1993
 
Da haben wir nun seit der deutschen Vereinigung das neue Bundesland mit dem Doppelnamen Sachsen-Anhalt, und schon stellen sich sprachliche Probleme ein. Nachdem wir in die bürgerliche Demokratie zurückgekehrt sind, scheint es nämlich Leute zu geben, die sich in nostalgischem Überschwang auch gleich noch an das Fürstenhaus der Anhaltiner erinnern wollen. Jedenfalls könnte man das auch ihrem Sprachgebrauch schließen. Dazu eine kleine Auswahl von Lesefrüchten, die weitgehend aus der Presse stammen. Derzufolge sollen wir haben einen „sachsen-anhaltinischen Ministerpräsidenten“, einen „sachsen-anhaltinischen Landtag“ und ein „sachsen-anhaltinisches Landesministerium für Wissenschaft und Forschung“, ferner eine „sachsen-anhaltinische Kulturlandschaft“ mit Halle als „sachsen-anhaltinischer Kulturhauptstadt“ und der „sachsen-anhaltinischen Landesuniversität“.
 
Es gibt auch ein „1. Anhaltinisches Konzert“ und ein „2.Sachsen-Anhaltinisches Rockfestival“, ja sogar einen „anhaltinischen Streckenabschnitt der Autobahn A2“ und „sachsen-anhaltinische Sirenen“ (die Telekom jüngst an eine Westfirma verkauft hat.) In einer Sendung des mdr wurde gar die Bildung „sächsisch-anhaltinisch“ präsentiert.
 
Damit nicht genug, denn auch die Adjektivbildung „Anhaltiner“ schießt üppig ins Kraut. Da gibt es eine „Anhaltiner Back- und Konditoreiwaren GmbH“ und „Anhaltiner Backbetriebe“, die fleißig „Anhaltiner Brot“ backen, und ein Blick ins Dessauer Telefonbuch macht uns mit „Anhaltiner Bauunternehmen“, „Anhaltiner Damenmoden“ und einem „Anhaltiner Belags-Center“ bekannt.
 
Da reibt sich der historisch gebildete Leser verwundert die Augen, und er wähnt womöglich, dass wir auf dem Wege zum „Fürstenstaat“ sind; denn die Bildungen „anhaltinisch“ und „Anhaltiner“ sind allenfalls noch aus der historischen Literatur geläufig und darin mit dem Sinn befrachtet „dem Herrscherhaus Anhalt zugehörig“(1)
 
Das Gespür dafür haben mache Autoren bewahrt. So nennt Bernd Lähne in seinem Beitrag „In Halberstadt schlug die Sternstunde des Bären“ (Hall. Tagesblatt“ vom 27.03.1992) Esiko von Ballenstedt den „Ahnherrn des anhaltinischen Fürstengeschlechts“, und Thomas Deutsch spricht vom „Übertritt aller anhaltinischen Fürstentümer zum Calvinismus“ (MZ vom 10.04.1992), und das zielt auf die Teilgebiete Anhalt-Dessau, Anhalt-Köthen, Anhalt-Bernburg und Anhalt-Zerbst. In diesem historischen Sinne zu verstehen ist auch die „Stammtafel der Anhaltiner“ oder die „anhaltinische Prinzessin“, die später als Katharina II. von Russland Weltgeschichte macht. Die Form „anhaltinisch“ scheint aber bereits im 19. Jahrhundert obsolet geworden (2); sie kommt sogar in der historischen Literatur nicht mehr vor (3), selbst da nicht, wie man sie füglich erwarten könnte. Sie betitelte Egbert von Frankenberg und Ludwigsdorf sein 1884/85 veröffentlichtes Werk, das nun wirklich Konterfeis von Mitgliedern des fürstlichen Hauses enthielt, nicht „Anhaltinische“, sondern „Anhaltische Fürstenbildnisse“. Auch der Historiker Berent Schwineköper schreibt 1975 „die anhaltinische Linie des (askanischen) Hauses“(4), und Eduard Prinz von Anhalt, der ja nun im historischen Sinne ein echter „Anhaltiner“ ist, hat den von ihm 1992 gestifteten Literaturpreis nicht „Anhaltinischen“, sondern „Anhaltischen Literaturpreis“ genannt. Er will ihn offenbar nicht auf sein Geschlecht bezogen wissen, sondern auf Pflege und Entwicklung der Heimatgeschichte und –literatur Anhalts im Rahmen des „Anhaltischen Heimatbundes“.
 
Es zeigt sich also, dass wir auf das (journalistische?) Modewort „anhaltinisch“ sehr wohl verzichten können und es nur in dem Sinne von „auf das Fürstenhaus der Anhaltiner bezogen“ werden sollten. Dann würden sich etwas „anhaltische Wälder“ des 18. Jahrhunderts von „anhaltinischen“ dieser Zeit unterscheiden lassen. Im Alltagsgebrauch unserer Tage ist „anhaltisch“ oder „sachsen-anhaltisch“ das Sprachgerechte (und um zwei Buchstaben Kürzere).
 
Eine Innenflexion, wie sie bei „sächsisch-anhaltinisch“ aufgetreten ist, sollte keine Nachfolge finden. „Sachsen-Anhalt“ wird als sprachliche Einheit aufgefasst und durch die Kopplung mit Bindestrich einem Kompositum gleichgestellt (eine Zusammenschreibung verbietet sich hier, weil es sich um Eigennamen handelt, während sie in anderen Fällen möglich ist, z.B. statt „schwarz-weiß-rot“ „schwarzweißrot“) . Zu verweisen ist in diesem Zusammenhang auf Bildungen wie „schleswig-holsteinisch, baden-württembergisch, mecklenburg-vorpommerisch, berlin-brandenburgisch). Im übrigen muss ja die „erleichterte“ Adjektivbildung noch „gewichtig“ genug sein, nicht überstrapaziert werde. Eine Attribuierung ist auch anders möglich, z.B. „Sachsen-Anhalts Ministerpräsident“ oder „der Wirtschaftsminister Sachsen-Anhalt“ Das scheint mit leichter über die Zunge zu gehen als das Doppeladjektiv. Aber das mag jeder halten wie er will.
 
Ebenso entbehrlich wie „anhaltinisch“ ist das Adjektiv „Anhaltiner“. Wohl gibt es im Deutschen das Adjektivbildungsmodell Ortsname + -er. Wodurch die Zugehörigkeit eines Substantivs zu einer Örtlichkeit ausgedrückt wird. (Burger Knäckebrot, Einbecker Bier, Leipziger Allerlei, Berliner Weiße), aber wenn man diesem Modell folgt, kommt man auf „Anhalter“. Das klassische Beispiel dafür ist der Anhalter Bahnhof in Berlin (der, sprachlich korrekt, wohl auch „Anhaltischer Bahnhof hätte getauft werden können; aber auf „Anhaltiner Bahnhof“ ist gottlob keiner gekommen) In Halle gibt es seit eh und je eine „Anhalter Straße“, und seit kurzem im „Tulpe“-Gebäude der Martin-Luther-Universität wieder das (traditionsreiche) „Anhalter-Zimmer“ (aus dem freilich jüngst ein Journalist schon wieder ein „Anhaltiner Zimmer“ gemacht hat, „Hall. Tagesblatt vom 17.07.1992).
 
Es wäre also besser weil sprachgerechter, wenn die „Anhaltiner“ Bäckereien sich künftiger „Anhalter Backbetriebe“ nennen würden (was sie von dem Verdacht frei machte, gleichsam „Hofbäckereien“ sein zu wollen) und „Anhalter Brot“ oder „Brot aus (Sachsen-)Anhalt“ auf den Markt brächten.
 
Aber wie bezeichnen wir nun den Bewohner unseres neuen Bundeslandes? Da haben sich die Menschen aus der Dessauer Gegend doch seit eh und je – und auch über schlechtere Zeiten hinweg – „Anhaltiner“ genannt. Gewiss haben sie es nicht so verstanden, als seien sie Untertanen der Fürsten von Anhalt (wie vor Zeiten ihre Vorfahren): die historische Befrachtung des Wortes scheint längst nicht mehr empfunden.
 
Sollen sich aber nun mit Rücksicht auf die „anhaltische Minderheit“ im Lande alle seine Bewohner „Sachsen-Anhaltiner“ nennen lassen, wie es jüngst geschehen ist: „Etwas 50 Sachsen-Anhaltiner haben vorgestern abend in Quedlinburg ein landesweites Gerechtigkeitskomitee für Sachsen-Anhalt gegründet“ Hall. Tagebl. Vom 24.07.1992). Auch die Magdeburger, Altmärker, Hallenser oder Merseburger, die nie zu Anhalt gehört haben, die – historisch gesehen – über Jahrhunderte erzstiftisch, herzoglich-magdeburgisch und preußisch waren? Das sprachliche Benennungsproblem schreit nach Volksentscheid!
 
Welche Möglichkeiten bietet die deutsche Sprache eigentlich noch? Nichts wäre einfacher, als – von Anhalt ausgehend – den „Anhalter“ zu bilden, wenn, ja wenn es da im Zeitalter des Automobilismus nicht die gäbe, die am Straßenrand durch Handzeichen signalisieren, der Fahrzeugführer möge anhalten und sie mitnehmen. Nun sind aber nicht alle Bewohner Anhalts „Tramper“. Wie halten wir die beiden Personengruppen auseinander? Lauern da nicht Missverständnisse? Überschrift einer Zeitungsmeldung: „Anhalter brutal niedergeschlagen“.
 
Nur keine übertriebene Angst vor Homonymen (5). Man lese die ganze Meldung: „ein 41jähriger Anhalter ist von den Insassen eines VW-Passats statt in den Harz nach Aschersleben gebracht, aus dem PKW gezerrt und zusammengeschlagen worden. Die Beute: 140 Mark:“ Wer könnte da wohl noch auf den Gedanken kommen, dass es sich um einen Mann aus Anhalt gehandelt hat?
Den Schritt in Richtung "Anhalter“ = Bewohner Anhalts haben Verleger, Herausgeber und Mitarbeiter von JoJo. Das "Anhalt-Journal“ bereits gewagt. Dieter Joachim hat das Konzept dafür im März 1992 so formuliert “Von Anhaltern – für Anhalter! (6).“ Da die Bewohner des Landes Sachsen-Anhalt füglich Sachsen-Anhalter heißen müssten, schlösse das eine Verwechslung mit dem Tramper ohnedies aus.
 
Im übrigen sind wir sprachlich auch gar nicht so eingeengt, wie es scheinen könnte, da es noch anderen Möglichkeiten gibt, z.B. „ein Bewohner/Bürger Sachsen-Anhalts“, umgangssprachlich „einer aus Sachsen-Anhalt“ oder „ich bin/komme/Stamme aus (Sachsen-)Anhalt“. Also auch auf den „Anhaltiner“ sind wir keineswegs angewiesen.
 
Zum Schluss noch einmal zurück zu „anhaltinisch“. Wer diese „Bezopfte“ Form wiederaufgegriffen hat, lässt sich natürlich nicht nachweisen. Es könnte ja einer aus Anhalt gewesen sein, dem von Kind an die Bezeichnung „Anhaltiner“ für den Bewohner seiner Heimat geläufig war. Von dort bis zum Adjektiv „anhaltinisch“ ist es nur noch einer kleiner Schritt. Wenn es so war, könnte man schmunzelnd Schiller zitieren: „Das eben ist der Fluch der bösen Tat….“. Aber vielleicht war es auch ganz anders.
 
Jedenfalls scheint sich „anhaltinisch“ im Augenblick zum Modewort der Presse herausmausern zu wollen. Nur, Modewörter kommen und gehen wie Kleider-, Haar- und andere Moden.
 
Vielleicht erinnert sich der eine oder andere an das (ursprünglich aus der protestantischen Theologie stammende) „Anliegen“, das vor gar nicht langer Zeit den weltlichen Sonn- und Feiertagsredner in reichem Maße über die Lippen floss. Heute ist es nicht mehr „in“, und so ist zu hoffen, dass auch „Anhaltinisch“ bald aus der – oder besser gar nicht erst in Mode kommt.
 
Anmerkungen
 
An dieser Stelle sei ein kleiner sprachgeschichtlicher Exkurs gestattet.
Der Name „Anhalt“ geht bekanntlich auf die Stammburg der Askanier, die Burg Anhalt zurück, deren Reste noch heute auf einem Höhenrücken des rechten Selkeufers (unweit) der „Selkemühle“ zu sehen sind. Um 1300 war sie „Residenz“ der Fürsten zu Anhalt, und sie nannten sich danach auch „Anhaltiner“ (wie später, nach der Erbteilung von 1485 in Sachsen, die Linien der Ernestiner und Albertiner).

Zu diesem Grundwort gibt es in der lateinsprachigen Historiographie Ableitungen auf –inus („Codex Anhaltinus minor“, „Codex diplomaticus Anhaltinus“ u.a.). Im deutschen Sprachgebrauch wurde das lat. –us durch das Suffix –isch ersetzt (vgl. spanisch, sächsisch), aber das lat. Element –in wurde beibehalten. Mit –inus gab es neben der Adjektivbildung auch ein Substantiv, mit dem eine Person bezeichnet wurde. Hier ging die Eindeutschung ganz ähnlich vor sich, nur wurde das –in – mit einem –er verbunden, das bei Personenbezeichnungen nach Ländern der Orten (Schweizer, Holsteiner, Römer, Berliner) auf ein germanisches Suffix – warja zurückgeht(deutlich noch in der Bezeichnung „Bajuwaren“ für die Bayern). So entstanden die Bildungen „anhaltinisch“ und „Anhaltiner“, aber sie waren in älterer Zeit auf das Fürstenhaus Anhalt bezogen.

Solche historischen Spezialbedeutungen sind nichts Ungewöhnliches. Aus der kursächsischen Nähe sei auf „ernestinisch“ und „albertinisch“ hingewiesen: man vgl. auch Fälle wie „jakobinisch“ mit dem Beigeschmack „radikal gesinnt“, „wilhelminisch“ = dem Kaiserreich verbunden, „josephinisch“ = dem aufgeklärten Staatsabsolutismus Kaiser Joseph II zugetan. „Moskowiter“ (gebildet wie Johanniter“) sind nicht Einwohner von Moskau (wie man es zuweilen fälschlich lesen kann), sonder (historisch gesehen) treue Anhänger der alten Moskauer Rus, und von daher hat sich die Bedeutung „Stockrusse“ entwickelt. Wörter haben eben ihre Geschichte, die man nicht unbeachtet lassen darf.

 
Als Gewährsmann kann uns der „Herzoglich Anhalt-Deßauische Bibliothekar“ Heinrich Lindner dienen, der in seiner „Geschichte und Beschreibung des Landes Anhalt“ (Dessau 1833, S. 70, Anm.) seiner Genugtuung Ausdruck gab, dass das „unsinnige Anhaltinisch verschwunden“ sei und man hoffen dürfe, „dass auch Anhaltiner ihm folgen werden.“

 
Eine Fülle von Belegen für „anhaltisch“ biete die „Bibliographie zur Geschichte von Anhalt“ bearb. Von Reinhold Specht, Magdeburg 1930 (=Bibliographie zur Geschichte der Provinz Sachsen und des Freistaates Anhalt, Band 1).
Aufschlussreich ist auch der Sprachgebrauch im „Adressbuch der anhaltischen(!) Landeshauptstadt Dessau“ aus dem Jahre 1930. Darin findet sich auf den Seiten 6/7 „anhaltisch“ 22 mal, „anhaltinisch“ nie; ähnlich im „Dessauer Adressbuch“ von 1940: 15 mal „anhaltisch“, nicht einmal „anhaltinisch“ (S.8-10).


Handbuch der historischen Stätten Deutschlands, Band 11: Provinz Sachsen-Anhalt, Stuttgart 1975, S.LV

 
Unter Homonymen versteht man lautgleiche Wörter aus unterschiedlicher Wurzel, die nur infolge der Lautentwicklung äußerlich zusammengefallen sind, die aber eine völlig verschiedene Bedeutung haben, und bei denen kommt es auch nicht zum Missverstehen, weil das in einer bestimmten kommunikativen Situation Gemeinte aus dem Kontext (d.h. dem Rede- und Schreibzusammenhang) hervorgeht. Dieser „monosemiert“, z.B. „Er ist von einer Bremse gestochen worden“/“Die Bremse hat versagt“.

 
Bei dieser Sachlage braucht man eine weitere sprachliche Möglichkeit, den Landesbewohner durch Einführung eines Umlauts vom Tramper abzusetzen (nach Vorbildern wie Altmärkern zu Altmark, Händler zu handeln, Bäcker zu backen), wohl nicht mehr in Kalkül zu ziehen, obgleich „anhaltisch“ in den Mundarten des Landes „anhält´sch“ lautet. Nur könnte „Anhälter“ Assoziationen an „Zuhälter“ wecken, und das wollen wir einander besser nicht antun.