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800 Jahre Anhalt – Eine kurze Einführung zur Landesgeschichte

Obwohl Anhalt mit seinem zerrissenen Territorium vom Harz bis zum Fläming relativ klein war, nahm diese bemerkenswerte Kulturlandschaft nachhaltig Einfluss auf die deutsche und europäische Geschichte.

Die Entwicklung Anhalts zum selbständigen Territorialstaat begann mit dem Tod des askanischen Herzogs Bernhard von Sachsen am 9. Februar 1212. Herzog Bernhard war ein Sohn Albrechts des Bären. Die Askanier besaßen verschiedenste Herrschaftsrechte auf dem Gebiet des späteren Anhalt, wie z.B. die Vogteien über die bereits im 10. Jahrhundert gegründeten Abteien Nienburg (bis zum 12. Jahrhundert eines der reichsten und mächtigsten Klöster im Nordosten des Deutschen Reiches) und Gernrode. Die Stiftskirche St. Cyriakus in Gernrode besitzt heute eine herausragende Bedeutung als das einzige noch aufrecht stehende Bauwerk aus ottonischer Zeit in Norddeutschland.

Bernhards Erbe ging 1212 auf seine beiden Söhne Heinrich (Grafschaft Anhalt) und Albrecht (Herzogtum Sachsen) über. 1215 nannte sich Heinrich Graf von Aschersleben und Fürst in Anhalt. Er herrschte über ein Gebiet, das sich von Coswig rechts der Elbe über Wörlitz, Dessau, Lippehne bei Raguhn, Köthen, Wörbzig und Bernburg bis nach Aschersleben und weiter in den Harz erstreckte. Im Osten dieses Gebiets entstand in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts eines der bedeutendsten Zeugnisse der deutschen Rechtsgeschichte, der „Sachsenspiegel“ des Eike von Repgow. Wegen ihrer Fähigkeiten zur Urbarmachung feuchter Niederungen wurden in Ostanhalt (u. a. in Wörlitz) vor allem Flamen angesiedelt. Zu den ursprünglichen askanischen Besitzungen kamen später weitere Gebiete hinzu (z.B. 1315 die große Herrschaft Zerbst, 1423 die Grafschaft Plötzkau und 1457 die Grafschaft Lindau), andere Gebiete (z.B. 1307 die Grafschaft Aschersleben) gingen verloren. Zahlreiche Landesteilungen prägten die Herrschaftsgeschichte Anhalts.

Die Nähe zu Wittenberg und der Einfluss Luthers begünstigten eine frühzeitige Einführung der Reformation in Anhalt, zuerst 1523 in der Stadt Zerbst. Der Köthener Fürst Wolfgang war einer der Initiatoren des 1531 gegründeten Schmalkaldener Bundes, der Dessauer Fürst Georg III., der „Gottselige“, war eine der Schlüsselfiguren der Reformation. Seine in der Anhaltischen Landesbücherei Dessau in großen Teilen erhaltene Bibliothek macht die bedeutende Rolle Anhalts und seiner Fürsten in der Reformation noch heute greifbar und begreifbar. Im letzten Drittel des 16. Jahrhunderts wandten sich die anhaltischen Fürsten der reformierten Lehre Calvinscher Prägung zu, was im 17. Jahrhundert die Anlehnung Anhalts an die brandenburgischen Hohenzollern und an die Niederlande sehr begünstigte.

Bei einer letzten großen Landesteilung 1603/1606 unter den Söhnen des Fürsten Joachim Ernst von Anhalt entstanden die Fürstentümer Anhalt-Bernburg, Anhalt-Dessau, Anhalt-Köthen und Anhalt-Zerbst, von denen zahlreiche nachhaltige überregionale Impulse ausgingen. Fürst Ludwig von Anhalt-Köthen stand viele Jahre der „Fruchtbringenden Gesellschaft“ vor, des ersten deutschen Sprachvereins von Bedeutung. Ludwigs Bruder Fürst Christian I. von Anhalt-Bernburg initiierte die Gründung der protestantischen „Union“ im Jahr 1608 und war einer der wichtigsten Akteure im Vorfeld und zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges.

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts näherte sich insbesondere der Dessauer Fürsten Johann Georg II. an Brandenburg an. 1658 trat er in den Dienst des „Großen Kurfürsten“ Friedrich Wilhelm. 1659 heiratete Johann Georg Prinzessin Henriette Catharina von Nassau-Oranien. Diese Eheschließung leitete die Aufnahme vielfältiger niederländischer Einflüsse in wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht ein, die in der Erbauung von Schloss und Stadt Oranienbaum ihre noch heute erlebbare symbolhafte Ausprägung fand. Die Zerbster Linie des anhaltischen Fürstenhauses konnte 1667 die Herrschaft über das ostfriesische Jeverland übernehmen. Die Herrschaft Jever blieb bis zum Aussterben der Zerbster Linie 1793 bei Anhalt.

Im 18. Jahrhundert bildeten die spätbarocke und klassizistische Residenzkultur sowie die geistige Modernität der anhaltischen Fürsten große kulturelle Glanzpunkte. Am Köthener Hof wirkte von 1717 bis 1723 Johann Sebastian Bach als Hofkapellmeister. Hier entstanden einige seiner bedeutendsten Werke wie das „Wohltemperierte Klavier“ und die „Brandenburgischen Konzerte“. Ein weiterer bedeutender Komponist des Spätbarock wirkte mit Johann Friedrich Fasch von 1722 bis 1758 am Hof des Fürsten Friedrich von Anhalt-Zerbst. Das Zerbster Schloss zählte zu den bedeutendsten barocken Schlossanlagen in Deutschland. 1745 heiratete die Zerbster Prinzessin Sophie Auguste Friederike (spätere Zarin Katharina II.) den russischen Thronfolger Peter III.

Franz von Anhalt-Dessau führte nach 1758 von der Aufklärung geprägte, alle Lebensbereiche umfassende Reformen durch. Anhalt-Dessau entwickelte sich zu einem überregional ausstrahlenden, von Toleranz geprägten kulturell-geistigen Zentrum. Nicht zufällig ging der große jüdische Aufklärer und Philosoph Moses Mendelssohn (1729-1786) aus der jüdischen Gemeinde Dessaus hervor. In Wörlitz, wo Fürst Franz einen berühmten englischen Landschaftsgarten und nach den Plänen seines kongenialen Architekten Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff den ersten Schlossbau in klassizistischem Stil auf deutschem Boden anlegen ließ, bündelte sich dieses Reformprogramm metaphorisch und sorgte für Aufsehen unter den Zeitgenossen. Das Dessau-Wörlitzer Gartenreich gehört seit dem Jahr 2000 zum Weltkulturerbe der UNESCO. In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts setzte sich die kulturelle und geistige Blüte fort. Exemplarisch dafür stehen das Schaffen des Dichters Wilhelm Müller in Dessau und die biedermeierliche Lebenswelt des Hofmalers und Kammerherrn Wilhelm von Kügelgen am Ballenstedter Hof.

Nach dem Tod des Bernburger Herzogs Alexander Carl im Jahr 1863 konnte der letzte verbliebene anhaltische Regent, der Dessauer Herzog Leopold Friedrich, Anhalt nach mehr als 250 Jahren wieder vereinigen. Die Industrialisierung Anhalts schritt nun rasant voran. Es entstanden bedeutende Industrieunternehmen wie die Deutsche Continental-Gas-Gesellschaft, die Zucker-Raffinerie und die Berlin-Anhaltische Maschinenbau AG in Dessau, die Schiffswerft in Roßlau, die Solvay-Werke in Bernburg, die Spinndüsen-Fabrik des Friedrich Eilfeld in Gröbzig, die Metallwebwaren- und Maschinenfabrik Heerbrandt in Raguhn sowie schließlich die Junkers-Werke in Dessau. Im ausgehenden 19. Jahrhundert gehörte Anhalt zu den gewerblich höchstentwickelten Gebieten des Deutschen Reiches. Die anhaltische Industrie und die anhaltischen Unternehmer trugen mit zahlreichen wichtigen Erfindungen und Innovationen wesentlich zum industriellen Fortschritt bei.

Mit der Abdankung des Herzogshauses am 12. November 1918 wurde Anhalt ein Freistaat in der Weimarer Republik mit einer von Sozialdemokraten und Demokraten gebildeten Regierung, die der maßgeblich von den Junkerswerken und dem Bauhaus geprägten wirtschaftlichen und kulturellen Modernisierung aufgeschlossen gegenüber stand. Die Einweihung des Bauhausgebäudes am 4. Dezember 1926 war ein internationales Ereignis. Die Entwürfe des Bauhauses vereinten Kunst und Technik und wirkten bahnbrechend für die moderne Industriekultur. Das Bauhausgebäude und weitere Dessauer Bauhausbauten gehören seit 1996 zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Die allgemeine Aufschwungsituation in Anhalt veränderte sich mit dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise grundlegend. Bereits Ende Mai 1932 konnten die Nationalsozialisten in Anhalt die Regierungsverantwortung übernehmen. Anhalt wurde damit zum Modell für die NS-Machtergreifung in anderen deutschen Territorien und im Reich. Anhalt bestand als Freistaat nur noch bis 1934. Die Eigenständigkeit des Kleinstaates wurde durch Eingliederung in den Gau Magdeburg-Anhalt weitgehend aufgehoben.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Land Anhalt endgültig aufgelöst und mit der preußischen Provinz Sachsen zum Land Sachsen-Anhalt in der Sowjetischen Besatzungszone vereinigt. Im Zuge einer Verwaltungsreform 1952 entstanden aus dem Land Sachsen-Anhalt die Bezirke Halle und Magdeburg, in denen die ehemaligen anhaltischen Gebiete aufgingen. Trotz der Neugründung des Landes Sachsen-Anhalt im Jahr 1990 und einer kurzzeitigen Zuordnung der ehemaligen anhaltischen Territorien zu einem Regierungsbezirk Dessau (aufgelöst zum 1. Januar 2004) ging die politisch-administrative Zersplitterung Anhalts weiter und erreichte mit dem Wirksamwerden der jüngsten Gebietsreform in Sachsen-Anhalt am 1. Juli 2007 ihren vorläufigen Höhepunkt. Nur das Gebiet der Evangelischen Landeskirche Anhalts entspricht heute noch weitgehend dem des ehemaligen Herzogtums bzw. Freistaats Anhalt.