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Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau

Herrscher im Paradies

Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-DessauEs gibt Tausende von Biografien und Monografien über kriegerische Potentaten wie Friedrich den Großen, den Preußenkönig, einem Zeitgenossen des Fürsten Leopold III. Friedrich Franz, Herrscher eines kleinen Landes am Rande Preußens, Anhalt-Dessau. Während über alle Bataillone des Preußenkönigs ausführlich Bericht gegeben ist, ist die erste tatsächliche Biografie des „Vaters Franz“, wie ihn die Untertanen nannten, von dem in Kalkutta geborenen Autor Kaevan Gazdar 2006 erschienen. Nach der Schlacht bei Kolin hat der junge Fürst, Enkel des großen Preußenmarschalls Leopold I. von Anhalt-Dessau, volkstümlich „der Alte Dessauer“ genannt, seinen König wissen lassen, dass er keine weiteren militärischen Ambitionen habe. Der Fürst, ein Anhänger der Aufklärung, legte stattdessen ein Programm zur Landschaftsverschönerung auf und schuf gemeinsam mit seinem Freund, dem Architekten und Baumeister Friedrich Wilhelm von Erdmanssdorff, das große Werk, das wir heute mit dem Begriff „Gartenreich Dessau-Wörlitz“ verbinden. Das Juwel dieser Schöpfung ist der Wörlitzer Park, der Natur, Schönheit und Welterkenntnis in sich vereinte und so zum dreidimensionalen „Bild“ der Aufklärung wurde. „Aber“, so bestreitet Uwe Quilitzsch, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Kulturstiftung Dessau/Wörlitz, „es wird immer kolportiert, dass der Fürst das Schöne mit dem Nützlichen verband. Das stimmt so nicht. Das Nützliche wird mit dem Schönen verbunden. Erst muss Nutzen da sein. Erst muss Geld da sein. Dann kann man auch das Schöne machen.“ Er spricht über den Deichbau des Fürsten. Als 1770 und 1771 Hochwasserkatastrophen das frühe Gartenkunstwerk zunichte machten, schickte er Leute nach Holland, die Deichbau lernen sollten. „Das hat auch künftig nicht alle Hochwasser vom Park abgehalten. Wir wissen aus den Tagebüchern der Fürstin Louise, dass das Wasser öfter mal bis zum Schloss stand und die Stadt überschwemmt gewesen ist. Trotz der neuen Deiche. Aber sie schützten das Hinterland vor katastrophalen Überschwemmungen, nicht die Parklandschaft. Das Hinterland waren die landwirtschaftlich genutzten Flächen. Eben das Gelände, von dem das Geld für die Verschönerung kam. Der Fürst konnte rechnen!“
Natürlich ging es den Menschen in Anhalt-Dessau, im Vergleich zu den Nachbarländern, verhältnismäßig gut. Aber eher, weil der Fürst rechnen konnte, denn weil er ein idealistischer Menschenfreund war. Wenn die Menschen aus seinem kleinen Fürstentum die Flucht ergriffen, weil beispielsweise die Steuerlast unerträglich würde, stünde er bald ohne Einnahmen da. Leopold III. Friedrich Franz wusste das und handelte danach. Deshalb freilich titelten ihn seine Untertanen schließlich „Vater Franz“. „Der Fürst musste an Friedrich den Großen erhebliche Kontributionen zahlen. Er zahlte sie aus eigener Tasche und lässt sich dadurch nicht entmutigen. Er lässt sich auch durch das Hochwasser nicht entmutigen. Wir stehen vor seiner Figur ohne Frage vor einem gigantischen Lebensentwurf. Er hatte sich als absolutistischer Fürst in den Kopf gesetzt, die Menschen zum Guten zu zwingen. Aber ist es nicht nachhaltiger, wenn man dazu sagen kann und muss. Im Hinterkopf hat er seinen eigenen Nutzen. Mit einer modernen Landwirtschaft wird er mehr Einnahmen im Staatssäckel generieren. Die Menschen sind aber seit Karl dem Großen die Dreifelderwirtschaft gewöhnt. Das heißt, ein Drittel der landwirtschaftlichen Fläche bleibt jedes Jahr Brache. Und nun kommt der junge Fürst, sozusagen noch grün hinter den Ohren, und sagt: Die Brache schaffe ich ab. Das hat die Bauern nicht amüsiert. Er fegt alle Bedenken weg und ordnet den Anbau auf der Brache an, setzt sich als alleiniger, als absolutistischer Grundbesitzer durch. Mit Zwang. Aber auch mit modernen Methoden des Feldanbaus, regelmäßiger Düngung und so weiter. Ein Jahrhundertschritt!“ Aber es bleiben eben auch die vielen Dinge, die in diesem Leben nicht auf so einfache Formeln zu bringen sind: Wie kann man die Menschen zum Guten zwingen? Der Wörlitzer Park enthält viel Anschauungsmaterial, von antiker Ästhetik, von der Geschichte des Brückenbaus, den Appell, pfleglich mit der Natur umzugehen, aber auch die jedermann zugängliche landwirtschaftliche Bibliothek auf dem Eisenhart. „Er lebt seinen Zeitgenossen eine Mätressenwirtschaft vor, hat uneheliche Kinder en gros, schwört aber auf die Kirche und die kirchliche Macht. Das wird nicht in Frage gestellt.“  Die Schwierigkeit der Beantwortung liegt, sagt Quilitzsch, im zeitlichen Abstand von 200 Jahren. „Dessen müssen wir uns immer bewusst sein, dass wir nicht heutige Fragen mit heutigem Wissensstand beantworten. Nehmen Sie nur die ‚Experimentalmedizin’ jener Zeit. Ich nenne sie jedenfalls so. Man probierte diverse Dinge an den Menschen aus. Ging´s gut, war´s gut. Ging´s schlecht, war´s Pech. Dann wurde das nächste Mittel ausprobiert. Man konnte als Kranker, wenn man das nicht wollte, sich nur in keine Behandlung begeben. Aber man hinterfragte das auch nicht, weil es ohnehin kein anderes Wissen gab.“
Auffällig im Wörlitzer Park sind die vielen Reminiszenzen an Italien. „Die fand man auch am heute zerstörten Dessauer Residenzschloss, man findet sie im Luisium, beispielsweise das Pompejanische Zimmer dort mit den vier Darstellungen des brennenden Vesuv.“ Das alles verdichtet sich auf der Felseninsel Stein im Wörlitzer Park mit der Nachbildung der Villa Emma des britischen Botschafters am Hof von Neapel, Sir William Hamilton. Ihm war der Fürst auf seiner Italienreise 1765-1766 begegnet, auf der Grand Tour. Erdmannsdorff schreibt in seinem Reisejournal über die Begegnung: „Mr. Hamilton, Gesandter von England, hat es verstanden, in Neapel in kurzer Zeit eine Sammlung etruskischer Vasen zu erwerben, wie man kaum schöner findet.“  Die Italienreise gab einen letzten Anstoß, die gewonnenen Eindrücke in der Heimat umzusetzen. So geht der Gründungsbau des Klassizismus, das Wörlitzer Schloss, 1773, zur Einweihungsfeier, als „Landhaus“ betitelt, von Erdmanssdorff auf Erfahrungen der Reisen nach England und Italien zurück. 2012 wird Wörlitz Korrespondenzstandort der großen Ausstellung „Nola. Pompeji. Herculaneum. Katastrophen am Vesuv“ des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle / Saale. Die Kulturstiftung DessauWörlitz hat ein ganz und gar ungewöhnliches Projekt vor: „Fremde Welt – ganz nah“. Ab Ostern 2012 wird im Nachklang der großen Ausstellung in Halle eine kleine Grand Tour durch das Gartenreich angeboten, auf der das Publikum Einsicht in die Antiken- und Italienrezeption des Fürsten Leopold III. Friedrich Franz erhält, wie sie sich im Wörlitzer Park, im Schloss, auf der Insel Stein und im Luisium darstellt.

 

Der Vesuv im Flachland – die Geschichte der Insel Stein

Fürst Leopold III. Friedrich Franz (1740 – 1817) unternimmt mit 23 Jahren eine England-Reise. Der englandbegeisterte Fürst erhält auf dieser Reise vermutlich die Information, dass zur ordentlichen Ausbildung eines Fürsten englischer Prägung eine Grand Tour gehört. Diese soll nach Italien führen, um dort die Überkommenschaften der Antike in Augenschein nehmen zu können, um die Renaissance-Denkmäler zu erleben, Neapel und den Vesuv zu erkunden.
 

Im Oktober 1765 bricht der Fürst nach Italien auf. Im Frühjahr 1766 führt ihn die Grand Tour nach Neapel. Natürlich besteigt die Reisegruppe den Vesuv. Georg Heinrich von Beerenhorst, der Reisemarschall des Fürsten, verfasst ein Reisejournal – das übrigens 2011 neu erscheinen wird. Beerenhorst beschreibt darin auch den Aufstieg. „Die adligen Deutschen lassen sich von Einheimischen auf den Berg hinauftragen. Durch die Asche versinken die Beine ihrer Träger bis zu den Knien. Der Fürst und seine Entourage bestaunen den Krater, beobachten die Umgebung. Plötzlich kommt es zu einem Auswurf von Steinen. Die Flachländer aus dem anhaltischen Dessau bemerken, dass ihre italienischen Träger fliehen. Nach Beerenhorsts Aufzeichnungen haben sie selbst keine Angst und bestaunen das Naturschauspiel. Der Freund des Fürsten, Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff, schreibt jedoch: „Wir schlossen uns dann vorsichtshalber an.“ Mit anderen Worten, sie sind auch getürmt.“ Uwe Quilitzsch, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Kulturstiftung DessauWörlitz sagt: „Das Ereignis muss so tief geprägt haben, dass man immerhin 22 Jahre danach auf die Idee kam, den Golf von Neapel hier in Wörlitz nachzubilden, den Vesuv und die Villa des damaligen britischen Botschafters, Sir William Hamilton.“

 

Der Botschafter war ein geehrter Gast am Hof von Neapel und hatte großartige Sammlungen aus antiken Schätzen zusammengetragen, beispielsweise eine bedeutende Sammlung etruskischer Vasen. Ihm war der Fürst begegnet. „Von der historischen Villa Emma kann man leider nur noch die Grundmauern sehen. Der verkleinerte Nachbau hier in Wörlitz hat die Zeiten überlebt.“ Quilitzsch veweist auf die Besonderheiten: „Mit Fug und Recht kann man bei einem so schönen klassizistischen Interieur, das bis ins Detail perfekt ist, von einem Gesamtkunstwerk sprechen.“

 

Uwe Quilitzsch sagt: „Fürst Franz wollte, dass die Menschen seines Landes und seine Gäste eine Impression des Golf von Neapel erhalten, da sie vermutlich ihr Leben lang selbst nicht hinkommen würden.“ Und: Auch dieser Vesuv konnte ausbrechen – allerdings kontrolliert. Zeitgenössische Aufzeichnungen belegen, wie vor über 200 Jahren in Wörlitz ein solcher Ausbruch funktionierte.