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Johann Sebastian Bach

Verdammt, es sind die Köthener Konzerte!

Johann Sebastian BachBeinahe jeder, der mal auch nur in der Ferne etwas von Johann Sebastian Bach gehört hat, kennt die Brandenburger Konzerte. Von Vitalität strotzend, überschäumend, aber auch schwebend sensibel: Diese Konzerte, die um 1721 in Köthen entstanden, spiegeln die Lebenssituation wider, die Bach in der anhaltischen Residenzstadt fand. Anlässlich seines Köthener Konzertes beschrieb der englische Dirigent Sir John Eliot Gardiner: „Bach hatte in vielerlei Hinsicht ein schwieriges Leben, was seine Arbeitgeber angeht,  nicht so in Köthen!“ Er beschrieb die Brandenburgischen Konzerte als solche, denen ein „besonderes Gefühl der Freude und Gemütlichkeit“ innewohne. Und sagte dann, was Balsam auf Köthener Seelen ist, dass der Name der Konzerte nicht korrekt wäre, „denn es sind ja eigentlich die Köthener Konzerte!“
Es ist ja wie ein böser Witz der Geschichte: Leipzig fällt dem Bachfan als Wirkungsstätte ein. Das thüringische Arnstadt und Weimar. Aber der Ort, der ihm der liebste seiner Lebensorte war, um dessentwillen er sogar in Kauf nahm, vom Weimeraner Dienstherren, dem dortigen Herzog Ernst August, ins Gefängnis gesteckt zu werden, nämlich Köthen (Anhalt), den hat man bis heutigen Tag erst nach längerem Nachdenken auf dem Plan. Dabei pflegt die Stadt ihr Erbe. Zweijährlich im Wechsel finden die BachFesttage Köthen und der Nationale BachWettbewerb statt, die inzwischen internationales Ansehen genießen und Bach-Fans aus ganz Europa anreisen lassen. Hörens- und sehenswert ist der neue Bach-Saal, zu welchem der ehemalige Marstall des Schlosses ausgebaut wurde. Ein Saal mit unter Musikern hochgeschätzter Akustik! Der Spiegelsaal im Schloss, in welchem ein Teil der Konzerte im historischem Rahmen stattfindet, wird von Grund auf restauriert. Im Ludwigsbau des Schlosses befinden sich die Räume der Bach-Gedenkstätte. Mit Bach kann man einiges erleben in Köthen, zumal die Stadt in Zukunft den farbenfrohsten Bach haben wird, den es in deutschen Landen gibt, weniger durchgeistigt und eher ein kraftstrotzender Anfang Dreißiger in der Mode seiner Zeit, kunterbunt, mit Lockenperücke und Galadegen an der Seite, Seidenstrümpfen und immer einen kessen Spruch auf den Lippen: So wird sich Stadtführer Christian Ratzel den Touristen präsentieren. „Und damit kommen wir dem tatsächlichen Bach in Köthen näher als mit den alten Bildern aus seiner Leipziger Zeit, wo er dann schon sieben Zentimeter über der Erde zu schweben scheint.“ 2012 stehen die nächsten BachFesttage in Köthen (Anhalt) an – und „La Cour – Ein königliches Varietéspektakel“, welches erstmalig und exklusiv von Köln nach Köthen reist und hier zur Aufführung gelangt, wird wiederum Zuschauer aus ganz Deutschland nach Köthen locken.


Der bunte Bach zu Köthen

„Da sitze ich anlässlich der letzten BachFesttage im Konzert. Hinter mir unterhalten sich zwei ältere Damen“, erzählt Bach-Stadtführer Christian Ratzel. ‚Hilde, hast du das auch gehört? Der Bach soll sogar im Gefängnis gewesen sein? Das kann ich mir nicht denken.’ ‚Nein, Eleonore’, antwortet die Andere nach einem Moment betretenen Schweigens, ‚das will ich mir nicht vorstellen.’ Es dauerte fünf Minuten eifrigen Abwägens, ob die beiden Damen es nun zulassen könnten, dass ihr so hoch auf dem Sockel stehender Bach so tief habe fallen können – und wenn, dann sicher ohne Schuld, bevor man sich einigte, dass es unter Umständen doch so sein könne.“ Ratzel lacht. Aber er trifft den Nerv an der richtigen Stelle. Welches Bild von Bach tradieren wir? „Es gab einen Schrei der Entrüstung, als Prof. Bernd Göbel aus Halle seinen jugendlichen Bach in Arnstadt aufstellte. Dieser Bach entsprach so gar nicht dem Bild vom Meister, wie er mitten in der Stadt an einen Pfeiler gelümmelt steht. Ein jugendlicher Dandy in Seidenstrümpfen nach der Mode der Zeit.“ Mit Lockenperücke, farbenfreudiger Kleidung, Galadegen an der Seite und, eben, in Seidenstrümpfen wird der Köthener Stadtführer Ratzel als Hofkapellmeister Bach künftig auftreten: „Es wird der bunteste Bach Deutschlands“, freut er sich heute schon auf die verdutzten Gesichter seiner Gäste. Weshalb ist ihm das so wichtig? „Weil wir in Köthen nicht den Kirchenmusiker vorweisen können, sondern eben den Hofkapellmeister, der mit einem der musikalischsten Fürsten seiner Zeit und einem aus bestens ausgebildeten Musikern bestehenden Hoforchester musiziert. Von diesen Musikern kann er in einem Schwierigkeitsgrad Dinge abverlangen, die ihn als Komponisten auf´s Höchste fordern.“  So wird die Köthener Schaffenszeit, 1717 bis 1723, zu einer der glanzvollsten Zeiten im Leben des Meisters. „Die Köthener Werke haben eine Frische, auch eine Fröhlichkeit, wie wir sie später bei ihm nicht wieder finden.“
Oder eben eine atemberaubende Traurigkeit, wie sie in der Chaconne erklingt, in der er den Tod seiner fünfunddreißigjährigen Frau beklagt. Als Bach 1720 aus Karlsbad zurückkehrt, erfährt er, dass Maria Barbara während seiner Abwesenheit gestorben und bereits beerdigt ist. „Die Chaconne aus der Partita Nr. 2 d-Moll für Violine solo ist eines der traurigsten, aber auch eines der schönsten Musikstücke aller Zeiten“, schwärmt Ratzel und ein melancholischer Zug legt sich für einen Moment über sein Gesicht, als hörte er sie gerade in sich. „In Köthen entstehen in schneller Folge Orchesterstücke, Suiten, Sonaten für Kammerorchester, Stücke für Soloinstrumente und ein paar Kantaten wie ‚Der Himmel dacht auf Anhalts Ruhm und Glück’. Sein Fürst ist reformierten Glaubens. Die Nüchternheit des reformierten Gottesdienstes bietet nicht viel Raum für Kirchenmusik. Doch entstehen hier die Französischen Suiten, drei Partiten, sechs Suiten, die sechs Brandenburgischen Konzerte. Letztere heißen nach der Widmung Bachs für den Markgrafen Christian Ludwig von Brandenburg. Dass sie möglicherweise als Bewerbung gedacht waren, wie oft kolportiert wird, verweist Christian Ratzel ins Reich der Legende. „Für diese Behauptung gibt es keinen ernst zu nehmenden schriftlichen Beleg.“ Der Markgraf als Adressat der Werke würdigt Bach nicht einmal einer Antwort. „Und trotzdem heißen die Konzerte nach ihm und leider nicht nach dem Ort seines Glücklichseins und ihrer Entstehung. So ungerecht ist das manchmal.“
Da hat Ratzel Recht. Denn hießen sie mit der gleichen Selbstverständlichkeit die Köthener Konzerte, würde niemand erstaunt aufblicken, wenn er hört, dass Bach etliche Jahre hier im Anhaltischen verbracht hat. Vom 21. April 1721 stammt die verhängnisvolle Widmung.
Aber da gibt es ja auch noch etwas Schönes, Zartes zu berichten. Im September 1721 steht Bach Pate für den Sohn des fürstlichen Kellerknechts Christian Hahn. Im Patenbuch steht, dass auch die „Jungfer Magdalena Wilckens, fürstl. Sängerin allhier“ war. Die jüngste Tochter des weißenfelsischen Hoftrompeters Johann Caspar Wilcke, Anna Magdalena, gilt als erfolgreiche, gut ausgebildete Sängerin. Am 3. Dezember 1721 heiratet das Paar, nicht in der Schlosskirche, wie vom Gesetz befohlen. Nachdem Bach seinen in Köthen geborenen Sohn Leopold Augustus zum eigenen Erschrecken im reformierten Ritus in der Schlosskirche hat taufen lassen müssen – für Bach eine sinnlose Angelegenheit, gehört die Taufe für die Reformierten nicht einmal zu den Sakramenten – erdenkt er sich in Bauernschläue einen Trick, wie er anlässlich der Heirat um das im Lande geltende Gesetz herum kommt. „Die Haustrauung für eine zweite Ehe ist teilweise in Süddeutschland heute noch üblich. Bach macht jedenfalls den Fürsten auf diesen Umstand aufmerksam und beantragt die Haustrauung. Die kann und mag ihm der Fürst nicht verwehren. Nicht einmal das reformierte Konsistorium kann wirkliche Einwände erheben. Den Dispens in Höhe von 10 Gulden allerdings bleibt der Hofkapellmeister der lutherischen Kirche lebenslang schuldig.“
Bach und Frau musizieren hinfort gemeinsam. Anna hilft beim Notenschreiben.
In dieser Zeit entstand das erste „Clavier-Büchlein vor Anna Magdalena Bachin Anno 1722“, später als „das Notenbüchlein der Anna Magdalena Bach“ bekannt. Das zweite Büchlein entsteht 1725 in Leipzig.
„Und diesen fröhlichen Bach wollen wir zeigen“, verweist Ratzel noch einmal auf den Stadtführer-Job. „Den lebensprallen, mit einem kleinen Bauchansatz versehenen Hofkapellmeister, frisch verheiratet auf Köthen´sche Art – also glücklich. Dem Essen nicht abgeneigt, dem geistigen Getränk gleich gar nicht.“ Ratzel schmunzelt. ANHALT 800 im Jahr 2012 wird ihm viel Gelegenheit geben, diesen herumlümmelnden, buntesten Bach Deutschlands seinen Gästen nahe zu bringen. Und? War er im Gefängnis? „Und ob. Er hatte den Vertrag mit Leopold ohne Wissen des Weimarer Herzogs, quasi hinter dessen Rücken, unterschrieben. Der Weimarer Herzog schäumte, ließ ihn nicht demissionieren, stattdessen aber vom 6. November bis zum 2. Dezember 1716 wegen seiner „Halßstarrigen Bezeugung“ einstecken, ehe er ihn in Ungnade ziehen ließ.
2012 werden die BachFesttage in der Bachstadt Köthen (Anhalt) wieder für Furore sorgen und viele Menschen in die kleine anhaltische Stadt locken. Im September 2012 gibt es einen zusätzlichen musikalisch-artistischen Leckerbissen: Zum ersten Mal und exklusiv in Köthen gastiert „La Cour – Ein königliches Varietéspektakel“ außerhalb Kölns. Artisten aus vielen Ländern lassen in diesem musikalisch-artistischen Bilderbogen das höfische Leben der Barockzeit auf eine spannende und unterhaltsame Art und Weise auferstehen. Ein Spektakel, das so Recht im Sinn des bunten Bachs sein wird.


Köthen Kultur und Marketing GmbH
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