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Auf den Spuren von Walter Gropius in Dessau-Roßlau

Dessauer Bauhaus über Harvard zur Kibbuzarchitektur in Israel - Ein Weg mit Walter Gropius und dem Dessauer Bauhaus

Walter Gropius 1919„Wenn ich auf die sechzig Jahre zurückblicke, in der ich ihn als führenden Architekten unserer Zeit und größten Erzieher auf seinem Gebiet kannte, bin ich überwältigt von der Großzügigkeit seines Denkens.“ So schreibt Ludwig Mies van der Rohe 1969 über seine Beziehung zu Walter Gropius, den „spiritus rector“ des Bauhausgedankens. „Wie ich bereits vor einigen Jahren sagte, war er ein tapferer Krieger im endlosen Kampf um neue Ideen. Bis zum Ende eines langen und produktiven Lebens nahm er an diesem Kampf teil. Dies ist, wie ich meine, Gropius´ edelstes Vermächtnis an uns alle.“

Das war ein kühner Entschluss, den der Dessauer Oberbürgermeister Fritz Hesse fasste, als er dem Bauhaus in Weimar Dessau als neue Heimat anbot. Bestärkt wurde er darin unter anderem auch durch den in Dessau bereits ansässigen rheinischen Industriellen und Erfinder Hugo Junkers. Die neue Einheit von Kunst und Technik, die bereits auf der Weimarer Ausstellung von 1923 proklamiert wurde, konnte in der Stadt Dessau sozusagen ihre Probierstube entfalten. Kopf dieser Schule, die sich die ästhetische Gestaltung industrieller Massenprodukte unter der Formel „Form follows Function“ zur Aufgabe gemacht hatte, war Walter Gropius. Hesse, der 1945 von den Amerikanern wieder eingesetzte Bürgermeister, wird 1946 von den Russen zum Rücktritt gezwungen, weil er sich für ein „neues Bauhaus“ vehement engagiert. In seinen Erinnerungen schreibt Hesse über das Bauhaus-Schicksalsjahr 1925: „Für die Entwicklung der Stadt Dessau könnten sich aus dieser Situation Möglichkeiten ergeben, wie sie sich ihr kaum je wieder bieten würden.“ Mit den Firmen von Hugo Junkers im Rücken bot Dessau ein Innovationsfeld ohnegleichen. Hesse spürte, dass das Bauhaus hierzu ein spannendes Gegenüber sein könnte und sich aus dieser kritischen Masse an Gestaltungs- und Ingenieursleistung etwas weltweit Neues entwickeln könnte.

Walter Gropius wurde 1883 in Berlin geboren, studierte 1903-1907 in München und Berlin Architektur, leitete mit Adolf Meyer in Berlin ein Architekturbüro und gründete 1919 in Weimar das Bauhaus. 1925 siedelte das Bauhaus auf Einladung der Stadt nach Dessau um. Bis 1928 blieb er Leiter des Bauhauses in Dessau. 1933 emigrierte er nach London, 1937 bis 1952 dozierte er als Professor für Architektur an der Harvard University in den USA. 1969 stirbt Gropius in Boston. „Wir waren uns klar, dass wir an einem neuen Beginn standen und dass wir nur die ersten Schritte getan hatten in einer neuentdeckten Welt voller faszinierender Aufgaben“, schreibt Gropius im Rückblick.

Es ist schon eine Kette erstaunlicher Zufälle, die Walter Gropius zeitlebens mit Menschen in Verbindung bringt, die früher oder später wichtige Weggefährten werden. Nach dem Architekturstudium wird Gropius Chefassistent bei Peter Behrens, dem großen Erneuerer der Industriearchitektur. Zu Behrens Mitarbeiter zählten zu der Zeit Ludwig Mies van der Rohe und Le Corbusier. Was die Industriearchitektur betrifft, wird man später auch von Gropius Meisterwerke sehen, man erinnere sich nur an das berühmte Fagus-Werk in Alfeld, in Niedersachsen, das inzwischen zum UNESCO-Welterbe gehört. Das Dessauer Bauhaus in Sachsen-Anhalt, vielleicht die Wichtigste, mit Sicherheit die berühmteste Schöpfung von Gropius, ist die Zugehörigkeit zum UNESCO-Welterbe, samt den von Gropius geschaffenen Meisterhäusern, bereits zugestanden worden. In der Novemberrevolution findet sich der ehemalige kaiserliche Offizier Gropius neben Gerhard Marcks und Lyonel Feininger im „Arbeitsrat für Kunst“ in Berlin zugehörig wieder. Gropius, der mit Igor Strawinsky befreundet ist, bindet in der Bauhauszeit heute hochgeschätzte Künstler wie Feininger, wie Paul Klee, wie Wassily Kandinsky. Sie alle werden für eine kurze, aber ungeheuer wichtige Zeit, Einwohner von Dessau. Nach neun Jahren Leitung scheidet Gropius aus dem Vertrag und arbeitet bis 1934 als freier Architekt in Berlin-Charlottenburg. 

„Die Idee des Bauhauses spottet allen Anfeindungen und Unterdrückungsversuchen. Nach der im Herbst 1932 erfolgten Vertreibung des Instituts aus Dessau und seiner späteren Auflösung durch die Nationalsozialisten wird sie von ehemaligen Lehrern und Schülern über alle Grenzen getragen.“ Das schreibt Fritz Hesse rückblickend auf diese Zeit.

Als Gegner der nationalsozialistischen Reichsregierung emigriert Gropius 1934 nach London und schließlich 1937 in die USA. Hier lehrt er zwischen 1937 und 1952 an der Graduate School of Design an der Harvard-Universität. Gropius ist inzwischen mit seiner Auffassung eines funktionalistischen Bauens und einer darauf Einfluss nehmenden Designästhetik international anerkannt. Das Harvard Graduate Centre, 1949 bis 1951 erbaut, ist sein größter Auslandsauftrag. Nachkriegsarbeiten in Deutschland finden sich in seinen Beiträgen zum Hansaviertel in Berlin oder mit der Gropiusstadt Britz. „In Deutschland lebend, können Sie sich kaum vorstellen, wie weltbekannt das Bauhaus geworden ist, hauptsächlich in den USA und in England. In beiden Ländern sind die Systeme der Kunst- und Architekturschule nach der Bauhauslehre ausgerichtet, und im öffentlichen Staatsexamen der Architekten ist die Frage ‚Was ist das Bauhaus?’ obligatorisch in der Prüfung.“ So schreibt es Gropius 1953 in einem Brief an Fritz Hesse.

Zurück nach Dessau. Heute kann man im Dessauer Technikmuseum „Hugo Junkers“ die Spuren der Zusammenarbeit zwischen dem technisch interessierten Ingenieur und den Designern und Architekten des Bauhauses erleben. Immerhin kommt von Junkers als erstem Industriellen der Wunsch nach einer Imagebroschüre, die fast durchgängig fotobebildert ist. Die Bauhaus-Ästhetik mit ihrer neuartigen Typografie, der Abstraktion der Formen und der Einsatz fotografischer Mittel interessieren den Erfinder, weil er spürt, dass er so das modernste Werbekonzept erhält, dass gestalterisch auch der Innovationskraft seiner Produkte entspricht und sie entsprechend darstellt. 1928 erhält die Reklame-Abteilung des Bauhauses den Auftrag, den Stand der Junkerswerke auf der Ausstellung „Gas und Wasser“ 1929 in Berlin für ein vorwiegend nicht fachmännisches Publikum zu gestalten. In der Zusammenarbeit der Bauhaus-Designer mit dem Industriellen ergab sich auch die erste industrielle Produktion der beispielsweise von Marcel Breuer entworfenen Stahlrohrmöbel, die heute zu den Klassikern der Moderne zählen. Natürlich war es Junkers, der das Bauhaus-Gebäude und die gleichfalls von Gropius entworfenen Meisterhäuser in Dessau mit Warmwasser-Apparaturen und Heizkörpern ausstattete. Der Ansatz freilich lag tiefer. Junkers ging es in der Tat darum, für die neuen Produkte seiner Firma auch ein neues Design zu finden. Einzigartigkeit sollte zu Einzigartigkeit kommen. Das spiegelte sich auch im Bauhaus wider. Marcel Breuer schreibt: „Der gute Künstler arbeitet mit dem guten Techniker zusammen. Um eine Idee zu fassen, braucht man kein technisches Können oder Wissen. Um diese Idee zu entwickeln, braucht man technisches Wissen und Können.“ Eine Aussage, die Walter Gropius bereits in einem Aufsatz von 1926 bestätigte.

Das Bauhaus und die Meisterhäuser in Dessau gehören zum UNESCO-Welterbe. Dessau ist ohne diese architektonischen Erinnerungsstücke an die Moderne heute nicht mehr denkbar. Vom 24. November 2011 bis März 2012 wird im Bauhaus innerhalb der Ausstellung „Kibbuz“ ein Thema beleuchtet, dass wieder auf großes Interesse stoßen wird: Die Architektur der israelischen Kibbuzbewegung ist maßgeblich durch Bauhausschüler geprägt worden. Am Bauhaus lernten sie das Neue Bauen kennen, aber auch etwas, was gerade ein Walter Gropius einzubringen wusste: Den Stellenwert sozialer Verantwortung im Bezug auf den kollektiven Siedlungsbau.
Im Meisterhaus Feininger residiert die Kurt Weill Stiftung, die beispielsweise alle Jahre wieder um den Geburtstag Weills das Kurt Weill Fest in Dessau präsentiert. Im Jubiläumsjahr „Anhalt800“ 2012 lädt das Musikfest der Moderne mit Ute Gferer als Artist in Residence vom 24. Februar bis zum 11. März zum Besuch ein.

www.bauhaus-dessau.de
www.dessau-rosslau-tourismus.de

Text: Investitions- und Marketinggesellschaft Sachsen-Anhalt mbH