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Der berühmteste Anhalter?

Ein 1772 entstandener Kupferstich zeigt das Antlitz des vielleicht berühmtesten Anhalters, Moses Mendelssohn. Vorbild war ein Gemälde des Schweizer Porträtisten Anton Graff (1736-1813). Repro: PrasseWer ist eigentlich der berühmteste Anhalter? Ist es die russische Zarin Katharina die Große, geboren als Sophie von Anhalt-Zerbst-Dornburg? Oder der zeitweilige Landsmann Samuel Hahnemann, der in Köthen der Homöopathie zum Durchbruch verhalf? Gegen dessen weltweiter Bekanntheit kann auch ein Alter Dessauer nicht mithalten.
Vielleicht ist es aber ein ganz anderer Mann, dessen Figur nicht nur in deutschen Schulen im Pflichtlehrplan durchgenommen wird. Verewigt in einem Drama des 18. Jahrhunderts, das zu den Kernstücken europäischen Bildungsgutes gehört. Und trotzdem - mitunter – bei Schülern wie Lehrern gleichermaßen ungeliebt ist.

Versöhnung und Toleranz
Der Autor, Dichter Gotthold Ephraim Lessing, ganz ein Kind der Aufklärung, erzählt in seinem Stück viel über Humanismus, Versöhnung und Toleranz. Über den Umgang zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religionen. Auch heute noch ganz aktuelle Themen.
Das Werk ist ein echter Dauerbrenner: Unzählige gedruckte Veröffentlichungen und mittlerweile sechs Verfilmungen. Ob Hamburg, Münster oder München: Jedes Jahr führen dutzende Theater das Stück auf. Was touristisch und aus Gründen des Heimatstolzes äußerst schade ist: Leider weiß kaum einer, das der Titelheld aus Anhalt kam.
Lessing hatte nämlich einen Freund, der das lebende Vorbild für die Titelrolle war. Es war ein aus Dessau stammender Jude. Dessen Vater war der Schreiber der jüdischen Gemeinde, die Familie der Mutter brachte mehrere große Gelehrte hervor. Das gemeinsame Kind zeigte früh eine intellektuelle Hochbegabung, so soll er als Zweijähriger bereits Hebräisch und Aramäisch gelernt haben. Mit vierzehn ging er mit seinem wichtigsten Lehrer nach Berlin. Jahre als „Bettelstudent“ folgten, in denen er sich aber unglaubliches Wissen aneignete. Und dabei zunehmend zum weithin bekannten, aber nicht unumstrittenen Philosophen der Aufklärung wurde. Er war fünfundzwanzig, als er in Lessing nicht nur einen treuen Freund, sondern auch einen Partner zum Schach spielen und gemeinsamen Philosophieren fand.

Ein literarisches Denkmal
Die Bestimmung des Menschen, so teilte er Lessing eines Tages mit, sei es, die Wahrheit zu erkennen, Schönheit zu lieben, Gutes zu wollen und das Beste tun. 1779  setzte Lessing dem Freund ein literarisches Denkmal. Die Titelrolle seines letzten Werkes trug unverkennbar die Züge seines jüdischen Freundes. Umgeben von Kirchenfürsten, selbsternannten Kreuzrittern und Alleinherrschern.
In Dessau, der anhaltischen Heimatstadt des Philosophen, gibt es heutzutage im Mittelring 38 eine empfehlenswerte Ausstellung, die bis Oktober täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet ist und sich dem vielleicht berühmtesten Anhalter widmet.
Der Titel des Lessing´sche Dramas lautet übrigens „Nathan der Weise“, der im wahren Leben Moses Mendelssohn aus Dessau war.