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02.03.2012 - Der Nonnenschleier - eine Sage aus Köthen

Jakobskirche in KöthenViele Sagen und Märchen handeln von der Liebe. So auch folgende Sage, die sich in der Jakobskirche von Köthen, dem Wahrzeichen der Bachstadt, zugetragen haben soll.
„Auf dem alten Turm der Jakobskirche wohnte einst ein Stadtpfeifer mit seiner Tochter Rosina, die in der Stadt nur das schöne Turmröschen genannt wurde. Bürgersöhne und Junker bemühten sich um ihre Gunst. Der Fürst Joachim Ernst bestieg einst mit seinem Knappen Ulrich von Wülknitz den Turm. Als Ulrich mit dem Fürsten wieder den Turm hinab stieg, stand es bei ihm fest, dass das schöne Mädchen ihm gehören müsse. Der Knappe traf sich öfter mit dem Mädchen in der Glockenstube. Als sie eines Abends neben der großen Glocke saßen, da schwur er ihr, sie als Gattin heimzuführen. Da - war es ein Windstoß, der an dem alten Gemäuer rüttelte, oder tat es eine Geisterhand? - öffnete sich krachend die schwere Tür, welche nach dem Kirchboden führte, und hereinschwebte, nebelgrau und schattenhaft, eine tief in Schleier gehüllte Nonnengestalt. Erschreckt sagte Röschen leise zu Ulrich: "Das war die Nonne. Ihr Erscheinen kündet uns Unheil. Weißt du nicht, dass sie alle hundert Jahre sich zeigt und dass dann jedes mal ein Unglück folgt? Die Nonne entstammt deinem Geschlecht. Ihre Gebeine ruhen unten in der Kirche. Sie zürnt unserer Liebe. Darum lass ab von mir Ullrich." Doch der Knappe tröstete die Erschrockene und redete ihr zu, dass Nacht und Nebel sie aufgeregt und getäuscht hätten. Am nächsten Abend trafen sich die beiden Liebenden, wie verabredet, an der Pforte des Kirchturms. Mit dem Glockenschlage zehn schlüpfte um die Turmecke eine Nebelgestalt und verschwand durch das Turmpförtchen. Da wehte der Wind einen schwarzen Schleier heran, der von beiden unbemerkt, sich fest um die Hüften des Mädchens legte. Als Röschen sich zum Schlafen niederlegen wollte, erblickte sie an ihrem Körper den dunklen Schleier, riss ihn ab, knüllte ihn zusammen und warf ihn von sich. Erschöpft sank sie auf das Bett und lag schlaflos, bis die Mitternachtsstunde schlug. Da glaubte sie ein leises Geräusch auf der Treppe zu hören, jetzt - öffnete sich ihre Kammertür, matter Schimmer erhellte das Gemach, und in diesem magischen Lichtkreise stand die Geisternonne vor dem Bett des Mädchens. "Gib mir mein Flörchen wieder", lispelte die Nonne. Die Stadtpfeiferstochter war vor Angst und Schrecken wie gelähmt. "Gib mir mein Flörchen wieder", flüsterte das Gespenst abermals, aber das Mädchen war nicht imstande, dem Gebot Folge zu leisten. "Gib mir mein Flörchen wieder", kam es von den bleichen Lippen zum dritten Mal. Dann drohte die Nonne mit dem Finger und verschwand.
Der nächste Tag verging und der Abend fand das sonst so muntere Turmröschen in tiefster Bekümmernis. Auch in der zweiten Nacht, als die Glocke dröhnend die Geisterstunde verkündete, erschien die Spukgestalt wieder und flüsterte dreimal die gefürchteten Worte. Wieder wurde es am nächsten Tag Mitternacht, da rauschte es zum dritten Male die Stiege herauf ins Kämmerlein, und die Gestalt der Nonne stand vor dem Bette und verlangte den Schleier zurück. Das Mädchen war aber wie von magischer Kraft gehalten. Drohender wurde das bleiche Totengesicht der Nonne. Da streckte sie die Hand nach dem Mädchen aus, Röschens Lippen entfuhr plötzlich ein jäher Angstschrei, und dann stand das Herz des Mädchens still.
Andern Tags fand der Vater seine Tochter tot im Bett liegend, der Schreck hatte sie getötet. Mit Schaudern vernahm der Knappe die Kunde von dem plötzlichen Dahinscheiden seiner über alles Geliebten. Getreu seinem Schwur, keine andere als sie zu seiner Gattin zu machen, blieb er unverheiratet bis an sein Ende.“

 



Kalenderblatt vom 02.03.2012

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