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06.08.2012 - Das Gastmahl Geros – eine Sage aus Gernrode

Stiftskirche St Cyriakus in Gernrode, Blick ins Mittelschiff nach Westen und auf die geteilte Orgel, 1877„Durch den dichten Wald, über die schier undurchdringlichen Harzberge kamen Reiter auf stolzen Rossen, trutzig wilde Gesellen in seltsamer Tracht. Sie erweckten den Anschein in den Kampf ziehen zu wollen und nicht zum fröhlichen Gastmahl. Gar grimmig schauten sie drein, die Wendenhäuptlinge, die von Markgraf Gero eingeladen waren. „Und ich sage Euch, traut dem Gero nicht“ sprach der alte Haudegen Tugimar. „König Otto hätte längst in unsere Forderungen eingewilligt, Gero ist es, der uns nicht wohl gesonnen ist. Ich erschlug ihm den Bruder in der Schlacht. Ich mag Geros Brot und Wein nicht. Zum letzten Mal sage ich Euch: Lasst uns umkehren!“ Aber alle schimpften auf Tugimar, unterstellten ihm unredliche Absichten. Da wandte der sein Ross, bot einen letzten Gruß und ritt wieder der Lauenburg zu. Aber es wurde weiter gezetert über Tugimar, dessen Bruder auch unter den Häuptlingen war. Der wurde zornig und gelobte jedem, der seinen Bruder Übles nachsagte, bittere Feindschaft. Und er sprach: „Was über und unter der Erde ist, darf auch der Wende fürchten, aber – einen Feind von Fleisch und Blut? Nimmermehr!“ Und wie sie so stritten, da waren sie auch schon vor Geros Burg. Die Wenden wurden von Geros Knechten mit heiterem Willkommen empfangen. Burg und Hof leuchteten im festlichen Glanz, Musikanten und Gaugler sorgten für Frohsinn. Den Pferden wurde Wasser und duftendes Heu gereicht und zufrieden betraten die Wendefürsten den Festsaal. Speisen und Trank waren köstlich und eifrig kreisten die Krüge um die Becher zu füllen. Das Fest wurde immer fröhlicher und lauter. Der eine oder andere sank unter den Tisch, desto lustiger lachten und johlten die anderen, bis einige anfingen, den Aufbruch anzumahnen. Gero hatte kurz zuvor den Saal verlassen. Plötzlich stützte er, gefolgt von schwerbewaffneten Knechten, in den Festsaal zurück. Erschrocken starrten die Gäste ihnen entgegen, ein kurzes aber entsetzliches Geheul setzte ein. Das Blut der Wenden spritzte an Wand und Decke, im Blute wateten die Füße der Mörder bis auch der letzte Gast erschlagen war. Die Flüche der sterbenden Wenden hatte Gero nicht verstanden, nur den Namen Tigumar, aber die Sterbeschreie der Wenden begleiteten den Markgrafen auf Schritt und Tritt. Als die Wenden und Slaven von dem schmachvollen Tod ihrer Fürsten erfuhren zogen sie sich zuerst erschreckt und verbittert zurück. Doch dann verbündeten sie sich mit Ungarn und überzogen die deutschen Gaue mit Krieg, Zerstörung und Plünderung. Markgraf Geros Sohn fiel in der ersten der Schlachten. Und auch sein zweiter Sohn Siegfried starb an den Wunden, die er sich in diesen Kämpfen zugezogen hatte. Geros Knechte nahmen einige Wenden gefangen, darunter auch einen alten weißbärtigen Fürsten. Der war stolz und lachte über seine Feinde. Und er rief triumphierend: „Ich schlug Siegfried die Wunde, an der er starb. Dreißig Männer erschlugst du, Gero und damit, dass ich dir Bruder und Söhne nahm, ist erst ein Zehntel Deiner Schuld getilgt worden. Czernbog (böse Gottheit der Slaven) wird’s dir lohnen. Czernebog wird dich greifen und zermalmen!“ Aber nicht Czernebog strafte den Markgrafen, sondern dem lieben Gott hatte Geros dreißigfacher Mord nicht gefallen. Er strafte Gero mit Trauer über die getöteten Söhne und den Bruder, Reue über seine Tat ergriff ihn. Er wollte Sühne leisten und stiftete das Kloster Gernrode. Die Witwe seines Sohnes Siegfried wurde erste Äbtissin des Stifts. Diese Ereignisse liegen über 1000 Jahre zurück. Slaven, Wenden, Sachsen, Franken und Thüringer sind verschmolzen, sind Deutsche. Doch bei Vollmond soll noch heute Gero aus seinem Grabe auferstehen und an den Ort seiner Schandtat besuchen. Und so wird er es wohl tun bis zum jüngsten Tag.“



Kalenderblatt vom 06.08.2012

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