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08.12.2012 - "Die Brauteiche"

Kühnauer See, im Hintergrund die Kühnauer Kirche (Foto: Wolf-Rüdiger Dogs, Quelle: www.dessau-rosslau.de)Zwischen Groß- und Kleinkühnau stand noch zu Anfang des 19. Jahrhunderts eine uralte Eiche. Soldaten des Tauenzienschen Korps haben sie, während dieses einst im Befreiungskriege hier lagerte, abgehauen und verbrannt. Der mächtige Baum trug seit alter Zeit den sonderbaren Namen Brauteiche, der in folgender Sage seine Erklärung findet.
Ein junges Brautpaar begab sich einst an einem heitern, aber kalten Sonntagmorgen des Monats Februar zur Trauung nach Kühnau. Die Witterung schlug bald um, der Himmel bewölkte sich, und es fand ein starker Schneefall statt. Die Verlobten jedoch scheuten das Wetter nicht und schritten rüstig weiter. Als sie nun unter der erwähnten Eiche angekommen waren, brach plötzlich in einiger Entfernung von ihnen ein Rudel gieriger Wölfe heulend aus dem Wald hervor. Eine furchtbare Lage für die jungen Leute! So nahe am Ziel ihrer heißen Wünsche, und jetzt Tod und Verderben unmittelbar vor Augen! Und keine Hilfe in der Nähe, ja nicht einmal eine Waffe zur Hand. “Laß uns beten!“ jammerte die Braut. „Laß uns niederknien und beten!“ Doch der Bräutigam, schnellen Entschlusses, rief: „Fasse dich, Liebste, nimm deine Kräfte zusammen und steig auf die Eiche, ich komme dir nach!“ Behend half er der Verlobten beim Hinaufsteigen, kletterte ihr eilig nach, und beide bargen sich in den Ästen des Baumes. Kaum war das geschehen, da waren die blutrünstigen Raubtiere auch schon zur Stelle, sprangen durcheinander, warfen gierige Blicke nach der erhofften Beute empor, schnoben und heulten. Gerade jetzt ertönten auch von Kühnaus Kirche her hell und freundlich die Glocken, das Brautpaar zur Trauung einladend. Da falteten sich unwillkürlich die Hände beider und ein heißes Gebet um gnädigen Beistand stieg zu Gott empor. Aber lange, lange warteten sie vergeblich auf Rettung – es wurde Mittag und noch immer war keine Hilfe zu sehen! Sieben bange Stunden mussten so die Bedauernswerten in ihrer schrecklichen Lage, von Hunger, Durst und Frost gequält, aushalten. Endlich ward ihnen die Erlösung. Die Wölfe, des langen Harrens müde, verließen die Eiche und liefen in den Wald zurück, und nun endlich konnte das Brautpaar, froh der Rettung, nach Kühnau eilen und die Trauung vollziehen lassen.

Quelle: "Dessauer Sagen" - gesammelt und mitgeteilt von Gisela Völker
 



Kalenderblatt vom 08.12.2012

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