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16.03.2012 - Der Brückeneinsturz von Nienburg am 6. Dezember 1825

Marktplatz in Nienburg in der AdventszeitDas Städtchen Nienburg an der Saale hatte es durch seine Lage zu einem bescheidenen Wohlstand gebracht. Es war ein wichtiger Handelsplatz für den Transport von Waren über die Flüsse Elbe und Saale.
Da die bisher genutzte Seilfähre aber mit der Zeit stark ausgelastet war, konzentrierte sich Nienburg auf den Bau einer Brücke. Aber auch Einnahmen für die Durchfahrt sollten weiterhin erzielt werden, wie es bei der Seilfähre möglich war.
Der Chefbaumeister des Herzogtums Anhalt-Köthen, Gottfried Bandhauer, lieferte alsbald einen Plan für eine Kettenbrücke, am Beispiel der bereits in England verwendeten Schrägseilbrücken. Um dem Anliegen der Nienburger nachzukommen, entwarf er nun die erste dokumentierte Schrägseilbrücke Deutschlands mit zwei unabhängig von einander stehenden Hälften. Diese konnten zur Durchfahrt von Schiffen geöffnet und wieder verschlossen werden. Für das Öffnen der so entstehenden Lücke wurde dann, wie gewünscht, eine Abgabe fällig. Bandhauer leistete mit dieser Brücke Pionierarbeit.
Am 24. März 1824 begann man mit den Bauarbeiten an der Brücke, die immer wieder von Problemen aufgehalten wurden. So musste Bandhauer feststellen, dass vor allem die gelieferten Eisenstangen, die die Ketten bilden sollten, etliche Mängel aufwiesen und ließ sie zeit- und kostenaufwendig ausbessern.
Nachdem im Spätsommer 1825 die Brücke endlich vollendet werden konnte, plante die Bevölkerung dem Herzog Ferdinand von Anhalt-Köthen zu Ehren eine Einweihungsfeier.
Doch am 6. Dezember 1825 sollte eine der größten Katastrophen in der Geschichte des Brückenbaus geschehen. Zu der Einweihungszeremonie am Nikolausabend versammelten sich etwa 250 Menschen und zogen mit einer Kapelle über die Brücke. Diese stoppte in der Mitte und die Menschenmenge versammelte sich singend und tanzend um sie. Niemand ahnte, dass sie die Ketten einer zu schweren Last aussetzten. So kam was kommen musste; die Ketten, die eh schon von schlechter Qualität waren, rissen an der einen Brückenhälfte und die Fahrbahn kippte mitsamt der darauf feiernden Bevölkerung Richtung Wasser. Die andere Brückenhälfte blieb dabei völlig unversehrt.
Das Unglück forderte 55 Tote, die in dem eisigen Wasser erfroren oder ertranken, und zahlreiche Verletzte. Natürlich wurde die Schuld sofort bei dem Architekten Bandhauer gesucht, der selbst seine Unschuld nicht beweisen konnte. Eine 1827 eigens zur Klärung eingesetzte Kommission kam jedoch zu dem Ergebnis, dass Bandhauer diese „unvernünftige Belastung“ nicht vorhersehen konnte, zumal er vor der Eröffnung die Brücke selbst zweimal auf ihre Traglast testen ließ. Ebenso deckte die Kommission weitere Mängel an den aus dem Herzogtum Braunschweig gelieferten Eisenketten auf. 1829 wurde Gottfried Bandhauer von jeglicher Schuld freigesprochen.
Die Katastrophe saß jedoch noch lange in den Köpfen der Bevölkerung fest. In ganz Deutschland gab es noch 125 Jahre danach keine neue Schrägseilbrücke.
1892 baute man in Nienburg eine Ersatzbrücke, seit 1999 existiert an der Stelle eine neue Bogenbrücke, die den Namen „Bandhauerbrücke“ trägt.

 



Kalenderblatt vom 16.03.2012

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