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16.12.2012 - "Der alte Strobel"

Jonitzer Mühle in Dessau-Waldersee (Foto: Werner Beneke, Quelle: www.dessau-rosslau.de)Der alte Mühlknappe Strobel, der im Dienste der herzoglichen Mühle ergraut und verstäubt war, gehörte seinerzeit zu den jedem Dessauer bekannten Persönlichkeiten. Ob er sich in der Mühle in Dienst befand oder in seiner Gastwirtschaft in der Wasserstadt, der „Lumpenstampe“, die Gäste bediente, immer trug er seinen mehldurchsetzten Mülleranzug und die im gleichen grauweiß gefärbte Mütze auf dem Kopfe. Die Aufgaben der Mühlknappen waren früher andere als die der heutigen Müller. Sie beaufsichtigten nur den Betrieb und sorgten dafür, dass im Werke alles in Ordnung ging und die Kundschaft sich sachgemäß verhielt. Das Mahlen, also das Nachschütten des Getreides, das Beuteln und Sacken besorgten die Kunden selber. Das waren hauptsächlich die Bäckermeister und die Bauern. Denn die Bäcker kauften das Getreide noch selber auf dem sehr bedeutenden Dessauer Getreidemarkt und ließen es in der Mühle mahlen. Die Bäcker und Bauern hatten nicht immer Zeit, die ganze Mahldauer über bei den Gängen zu stehen. Sie stellten Vertreter. So hatte sich in Dessau ein Beruf der „Mahlweiber“ entwickelt, zu denen nur geeignete Frauen zugelassen worden. Sie waren förmlich konzessioniert. Die Mühle lief damals Tag und Nacht. Um den Nachtbetrieb kümmerte sich der Mühleninspektor weniger. Darum war nachts in der Mühle ein recht fideles Leben. Die Angehörigen der Mahlenden gingen ein und aus, brachten was zu Essen und zu Trinken und ließen wohl manches mitgehen, was ihnen nicht gehörte. Darum erging schließlich eine Verordnung, dass die Mahlenden sich für die ganze Nacht mit Verpflegung zu versehen haben und niemand Einlass gewährt werden durfte. Trotz seiner Popularität würde der alte Strobel kaum ein Blatt in der Dessauer Chronik verdienen, wenn er nicht so ein tragisches Schicksal gehabt hätte: das Wasser in der Mulde hatte ihn wieder hergegeben, damit ihn fünfzehn Jahre später das Feuer verzehren sollte. Im Winter kam es oft vor, dass der Mühlengraben vereiste und der Zufluss des Wassers behindert wurde. Dann musste „geeist“ werden. Am 22. Januar 1858 war Strobel damit beschäftigt, mit der langen Eisaxt den Mühlengraben frei zu machen. Dabei fiel er in das Wasser, wurde unter den Mühlrädern durchgetrieben und mit ganz geringer Verletzung gerettet. Nachdem Strobel nach dem Abenteuer seinen Schnupfen überwunden hatte, versah er wieder seine Arbeit. Dann kam der Schicksalstag der Mühle, der 21. Juli 1874. Sie brannte vollständig ab. Der alte Strobel verlor dabei sein Leben. Er hatte bis 12 Uhr nachts die Wache gehalten und sich dann in der Feise, der Kammer für die Mühlknappen, zum Schlafen niedergelegt. Erst am nächsten Tage wurde er vermisst. Beim Aufräumen fand man seine verbrannten Knochen, dabei einige rauchgeschwärzte harte Taler und merkwürdigerweise unter einigen Taschenüberbleibseln ein nicht verbranntes weißes Taschentuch.

Quelle: das Buch „Die Hobuschiade“ von Bernhard Heese

 



Kalenderblatt vom 16.12.2012

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