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25.12.2012 - Das versunkene Schloß

Nordwestlich von Groß-Kühnau, hart an der preußischen Grenze und dicht an der Elbe, hat ehemals die Burg Reine (Reina) gestanden, ein Schloß und Hoflager der Fürsten von Anhalt, das in der Zeit zwischen 1314 und 1325 durch die Fluten der Elbe der Zerstörung anheimfiel. In trockenen Jahren, wenn der Wasserstand des Stromes ein sehr niedriger war, hat man wiederholt die Mauerüberreste der von den überfluteten Wogen der Elbe verschlungenen Hofburg wahrnehmen können. Ein Schloß, gefährdet von den Fluten des Stromes, dann geräumt von den Insassen und schließlich zum Einsturz gebracht von den höher steigenden, eindringenden Wassern – das ist der geschichtliche Sachverhalt. Die Romantik stellt in das Bild des sinkenden Schlosses die Figuren eines Ritters und der Stromnixe und lässt beide, deren Herzen füreinander schlagen, für immer im Reiche der Nixe vereinigt werden. Dieses Stoffes hat sich die Sage angenommen, hat ihn geformt und gemodelt und ihm schließlich folgende Gestaltung verliehen:
Auf der Burg Reine saßen während des späteren Mittelalters als Lehensleute der Fürsten von Anhalt die Edlen von Reine. Der letzte dieses Stammes war der Ritter Reinhold. Jung, schön, wohlgesittet, gewandt und tapfer, war er der Liebling der Frauen. Schon manche hatten ihm ihre Neigung zu erkennen gegeben, aber stets war sein Herz ungerührt geblieben. Manchen Dank hatte er schon auf Turnieren von zarter Hand empfangen, die ihm gern wohl mehr gegeben hätte, als allein den Siegespreis, aber sein freudiger Blick hatte nur diesem gegolten. Beglückt vom Erfolge seiner Waffen, im Herzen kühl, war er von allen Festlichkeiten, denen er beigewohnt, zurückgekommen. Sein Sinn stand auf Kampf und Jagd. Wenn er nicht unter der Fahne des Fürsten sein gutes Schwert zu ziehen hatte, so durchstreifte er die Waldungen am Ufer der Elbe, wo damals noch Bären und Wölfe hausten, um dies Raubgetier zu erlegen, oder er stellte dem trotzigen Keiler, dem starken Hirsch und dem flüchtigen Rehe nach. An einem schönen Frühlingsabend saß der Ritter auf dem Söller seiner Burg und schaute sinnend auf die Fluten des vorüberwallenden Stromes. Da vernahm er aus der Ferne Harfenklänge und Gesang einer wundersüßen Frauenstimme. Erstaunt lauschte er. Zuerst schien es ihm, als ob die Töne aus den Wassern emporstiegen, dann aber gewahrte er, dass sie stromaufwärts erschollen, und als er hinblickte, sah er eine seltsame Erscheinung. In einem Nachen, von zwei schneeweißen Schwänen gezogen, saß ein entzückendes Frauenbild, angetan mit leichtem, bläulichem Gewande. Eine herrliche Gestalt, die edelsten Formen der Glieder, ein Antlitz in einem Schimmer wie Rosen und Lilien erstrahlend, umrahmt von goldenem Haupthaar, das in schweren Flechten über den stolzen, schneeweißen Nacken herabfiel: das alles war hier vereinigt in dem schönsten Frauenkörper, den der Ritter je gesehen. Immer mehr näherte sich das Schifflein und lauter tönte der Gesang:

„ Bin einsam in den Fluten hier;
Wer reicht mir Herz und Hand?
Bist du es den der Himmel mir
Hat zum Gemahl gesandt?
Will treu dir sein mit Herz und Sinn,
Nimm mich mit Leib und Seele hin!
O Ritter, steig herab,
Komm in mein Reich herab!“

Reinhold wusste nicht, wie ihm geschah. Der höchsten Schönheit Zauberbann hielt ihn umfangen, sein feuriger Blick hing an der reizenden Erscheinung, und Schauer eines nie gefühlten Entzückens durchrieselten seinen Körper. „Wer du auch sein magst, schönstes Fräulein, nimm mich als deinen Vasallen. Hie und allewege dir treu, hold und gewärtig, folge ich dir, wohin du mich auch führen magst. Fordere Hab und Gut, nimm Leib und Leben von mir, ich will dein sein auf ewig!“ so entrang es sich seinen bebenden Lippen.
„Ich bin Elbine, des Elbstroms Beherrscherin! Willst du mein Gemahl sein und mir treu verbleiben, so bestelle hier dein Haus und folge mir in meinen krystallenen Palast; fern von allem Erdenweh wirst du Unsterblichkeit mit mir teilen und nie endendes Liebesglück. Wer Mut hat, sich mit uns, den Wassergeistern, zu verbinden, den erwarten bei uns Seligkeit und Wonne ohne Ende!“ Hoheitsvoll, wie Glockenton, klangen die Worte der Stromjungfrau, und ohne Besinnen rief Reinhold zurück: „Holde Elbine, dir würde ich folgen zu den Pforten der Hölle, dir folge ich auch durch Wasserfluten! Was gelten mir Schloß und irdische Güter? Froh laß ich alles zurück, wenn du wirst mein Eigen!“ „So harre mein, du Trauter!“ sprach strahlenden Blickes die Nixe. „Wenn der Vollmond wiederkehrt, dann werde ich den Quellen meines Stromes gebieten, dass sie reicher und immer mehr fließen und sich ergießen, bis der Strom, hoch anschwellend, über die Ufer tritt und auch deine Burg umspült. Dann werde ich dir erscheinen und dich einführen in mein unterirdisches Reich! Bis dahin mache dich bereit!“ Und wieder griff sie in die Saiten der Harfe und ließ ihr wunderbares Lied erschallen.

„Will treu dir sein mit Herz und Sinn,
Nimm mich mit Leib und Seele hin!“

klang es als beglückendes Liebesgelöbnis zum Ritter hinauf. Weiter zogen stromabwärts die Schwäne den Nachen mit ihrer Herrin und immer weiter, bis das Boot hinter Ufergebüsch verschwand und der Gesang verhallte. Für Reinhold von Reine begann nun eine Zeit qualvollen Wartens. In den Mauern seines Schlosses ward es ihm zu enge; ohne Rast und Ruh eilte er hinaus in Wald und Feld. Langsam verstrich ihm Tag um Tag, und seine Sehnsucht nach der schönen Elbine wuchs mehr und mehr. Endlich rückte die Zeit des Vollmondes heran. Da nahten Gewitterstürme, der Regen ergoß sich in Strömen, es schwollen die Quellen, Bäche und Flüsse und ergossen ihre Fluten in den Elbstrom, welcher über die Ufer trat, die Auen überschwemmte, Saaten und Feldfrüchte vernichtete und Dörfer und Städte weit und breit unter Wasser setzte. Auch Burg Reine war von den Fluten umgeben die ihre Grundmauern unterwühlten; ihr Untergang war unabwendbar. Eine Mauer, ein Turm, ein Gemach nach dem anderen stürzten zusammen, und bald glich die schöne Feste einem wüsten Trümmerhaufen. Nur der Altan, von welchem Reinhold die Nixe erblickt hatte, stand noch, und hier harrte der Edelherr festen Glaubens der Geliebten. Die Nacht brach herein, und der Vollmond beleuchtete die weite Wasserfläche. Ringsum rauschten die Gewässer – da erklangen noch andere Töne, laut und voll und deutlich, Harfenklang und Lied:

„Will treu dir sein mit Herz und Sinn,
Nimm mich mit Leib und Seele hin!
O Ritter, steig herab,
Komm in mein Reich herab!“

Ein Nachen schwamm heran, von Schwänen gezogen, in ihm stand Elbine, die Arme verlangend emporgestreckt nach dem Geliebten. Jetzt ein Knistern im Gemäuer des Söllers, dann ein Krachen, und auch dieses Bauwerk sank hinab in die fluten und mit ihm Reinhold von Reine, den die Nixe in ihre Arme schloß. Jetzt teilten sich die Wasser, sanft glitt das Fahrzeug in die Tiefe und führte die Liebenden in den schimmernden Krystallpalast der Elbkönigin.
 



Kalenderblatt vom 25.12.2012

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