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28.11.2012 - "Schön Suschen" - Eine Zerbster Sage

Vor langer Zeit wurde die Stadt Zerbst durch eine Räuberbande in Unruhe versetzt. Sie hatte ihren Versammlungsort innerhalb der Ringmauer des Galgens. Die Hinrichtungsstätte lag vor dem Heidetor (auf dem Galgenberg). Sie war von festen Mauern umgeben, deren Tor ständig verschlossen war. Die Mitglieder dieser Bande wussten genau, zu welcher Zeit in den einzelnen Häusern durch Krankheit, Abwesenheit der Bewohner oder andere Umstände sich eine Gelegenheit zum Einbrechen bot. Es war daher anzunehmen, dass sie mit Leuten innerhalb der Stadt in enger Verbindung standen. So war es auch. Ihr zuverlässigster Spion war ein Schumacher, der in einem kleinen Haus westlich des alten Gasthofes „Zum weißen Bären“ auf der Heide wohnte. Er war der treueste Stammgast dieser Herberge, passte genau auf alles auf, was dort verhandelt wurde, und trug es den Räubern zu. Eines Abends war das tägliche Gespräch über die Räuber Veranlassung zu der Frage, ob wohl einer so mutig sei, sofort nach dem Galgen zu gehen und sich von der Anwesenheit der Räuber zu überzeugen. Nach manchem Hin- und Herreden und als sich kein Beherzter fand, sagte der Wirt: „Ich gehe jede Wette ein, dass meine Magd Schön Suschen das Wagestück übernimmt, wenn sie dabei etwas verdienen kann. Das Mädchen hat Mut, sie möchte gern ihren Christoph heiraten, aber sie ist arm und er hat auch nichts“. Die zahlreichen Gäste brachten eine größere Summe beisammen. Schön Suschen ward gerufen und nach kurzer Überlegung erklärte sie sich bereit, den Weg zu gehen. Eine Bedingung stellte sie und zwar sollte das Heidetor offen gehalten werden für den Fall, dass sie verfolgt würde. Sofort machte sich das Mädchen auf den Weg. Behutsam schlich sie zu dem Galgen heran. Am Eingang war ein Schimmel angebunden, der einen gefüllten Mantelsack trug. Die Tür, die in das Innere führte, war unverschlossen. Hier lagen die Räuber und schliefen. Behutsam band das Mädchen den Schimmel los, schwang sich in den Sattel und ritt eiligst nach der Stadt zurück. Die erwachten Räuber setzten ihr nach. Aber rechtzeitig erreichte sie das Tor und war gerettet. Große Freude herrschte nun im „Weißen Bären“ und die Freude ward noch größer, als in dem Mantelsack eine große Summe Gold und Goldeswert gefunden wurde. Alle beglückwünschten das Mädchen, man händigte ihr die ausgesetzte Summe aus, und sie musste alles erzählen. Der alte Schuster hörte aufmerksam zu und hinterbrachte es am anderen Tage den Räubern. Am nächstfolgenden Sonntag, als der Wirt und seine Frau in der Kirche waren, erschien ein stattlicher Fremder,
der einen Trunk vom besten Wein verlangte. Schön Suschen vermutete, dass es ein Angehöriger der Bande war. Statt daher in den großen Keller hinunter zu gehen, versteckte sie sich unmittelbar zur Seite der Kellertür. Nach einigen Augenblicken kam auch der Fremde und stieg die Kellertreppe hinab. Schön Suschen kam eiligst aus ihrem Versteck, warf die schwere Kellertür zu und der Räuber war gefangen. Die herbei gerufenen Stadtwächter hatten ein schweres Stück Arbeit, den Burschen dingfest zu machen. Er wurde nachher solange gefoltert, bis er seine Gesellen mitsamt dem schurkischen Schumacher verriet. Alle endeten am Galgen, der vorher ihre Zufluchtstätte war.
Schön Suschen heiratete ihren Christoph und war, so lange sie lebte, in der Stadt sehr verehrt.

Quelle: Zerbster Zeitung vom Sonntag, den 15. Februar 1880
 



Kalenderblatt vom 28.11.2012

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