HomeStartseiteKalenderblätter

30.07.2012 - Die Sage von den drei Steinkreuzen in der Zerbster Stadtmauer

Zerbst um 1650 (Kupferstich von Matthäus Merian)In der Stadtmauer von Zerbst befinden sich an einer Stelle drei eingemauerte Steinkreuze, von denen heute nicht mehr allzu viel zu erkennen ist. Ebenso verschwommen wie die Kreuze selbst, sind die Gründe für diese Kreuze, doch erzählen die Zerbster drei Sagen darüber. Die wohl schrecklichste Variante berichtet, dass dort einst drei Kinder lebendig eingemauert wurden, weil sie sich mit Brot bewarfen. In einer zweiten Sage erzählt man sich, dass sich an jener Stelle drei Knaben bei dem Spiel mit Bohnen so verstritten, dass sie sich niederstachen. Eine weitere Sage, welche am bekanntesten und in vielen Büchern zu finden ist, besagt Folgendes:
„Es lebte einmal in Zerbst ein braver alter Mann. Er hatte zu seinem großen Kummer seine Frau früh verloren, aber sie hatte ihm als kostbares Erbe drei Söhne hinterlassen. Sie glichen einander im Aussehen, in ihrer Veranlagung und in ihrem Charakter. Sie lebten einträchtig beieinander, und der Vater hatte seine helle Freude an den heran wachsenden Kindern. Da wollte es das Schicksal, dass im Nachbarhause eine Familie zuzog, die hatte ein wunderschönes sittsames Töchterlein.
Bald entbrannten die drei Brüder in heftiger Liebe zu dem lieblichen Mädchen, jeder wollte sie zu seiner Frau machen und keiner wollte sie dem anderen gönnen. Da war es denn mit der Eintracht und Ruhe im Hause des alten Mannes vorbei, denn die Liebe und Eintracht unter den Brüdern war nun in Hass und Zwietracht umgeschlagen. Eines Tages machte der Älteste den beiden anderen folgenden Vorschlag: „Brüder“, sagte er, „wir haben uns bisher immer so gut vertragen. Wir wollen jetzt offen und ehrlich gegen einander sein! Lasst uns um den Besitz des schönen Mädchens in ehrlichem Kampfe fechten. Zwei von uns sind zuviel und müssen weichen. Wer im Kampfe überlebt, soll die Geliebte besitzen!“
Tapfer wie sie waren, erklärten sich die beiden anderen einverstanden und begaben sich draußen vor die Stadtmauer, um ihren Kampf auszufechten. Die beiden älteren begannen den Kampf, und wacker streitend fiel bald der Älteste von ihnen mit tödlicher Wunde. An seiner Stelle trat der jüngste der Brüder und nahm den Kampf mit dem Überlebenden auf. Da erhielt auch der Zweite den tödlichen Streich. Aber zusammenbrechend gelang es ihm noch, dem Jüngsten einen schweren Stich durch die Brust beizubringen. Schwer verwundet schleppte sich dieser nach Haus, berichtete dem entsetzten Vater von ihrem Wettkampf, um dann auch tot zusammenbrechen.
So verlor der arme alte Mann an einem einzigen Tage seine drei, sonst so tüchtigen Söhne. Der Vater aber und das schöne Mädchen, das ohne es zu wollen die Veranlassung zu ihrem grausigen Tode geworden war, setzten den drei Brüdern an der Stadtmauer die drei Kreuze.“
(aus Zerbster Heimatkalender 1950 – Zerbster Sagen)



Kalenderblatt vom 30.07.2012

Alle bisherigen Kalenderblätter anzeigen